La Bella e l`Orco

 

Es war einmal ein armer Bauer, der hatte drei schöne Töchter, die Jüngste aber war so schön, dass man sie nur La Bella, die Schöne, nannte. Eines Tages wurde der Vater krank, und es dauerte nicht mehr lange, da lag er auf dem Sterbebett. Er rief die älteste Tochter zu sich und sagte: »Hör zu, mein Kind, ich kann euch nur drei Ziegen hinterlassen, sie sind mein ganzer Besitz. Sag, wie hütet man die Ziegen?«

»Im Winter bringt man sie auf die Weide und im Sommer läßt man sie im Stall«, antwortete das Mädchen. »Dann«, sprach der Vater, »bist du nicht die rechte Ziegenhirtin.«

Nun rief er nach der zweiten Tochter und fragte sie: »Wie hütet man die Ziegen?« - »Im Winter bringe man sie auf die Weide und im Sommer läßt man sie im Stall«, antwortete auch diese Tochter.

Da rief der Vater La Bella zu sich; »Sag mir, mein liebstes Kind, wie hütet man die Ziegen?«

Und La Bella antwortete: »Im Sommer bringt man sie auf die Weide und im Winter lässt man sie im Stall.« - »Also sollst du die Ziegen bekommen«, sagte der Vater, »es ist alles, was ich hinterlasse, und du bist die rechte Ziegenhirtin.« Das waren seine letzten Worte.

La Bella aber zog mit den Ziegen auf die Weide. Den ganzen Sommer über hütete sie die Ziegen, aber als der vorüber war und der kalte Wind zu blasen anfing, da wollte sie nach Hause zurückkehren, um die Ziegen in den Stall zu bringen. Da verirrte sie sich, ging dahin und dorthin, es regnete und stürmte, und La Bella und die Ziegen froren jämmerlich.

Endlich sah sie von weitem ein Haus. Sie eilten darauf zu und klopften an, das Mädchen mit der Hand, die Ziegen mit den Fußen, denn in dieser Gegend hier, das wissen alle, gibt es ganz gescheite Ziegen.

 »Ah, La Bella ist gekommen«, rief drinnen eine tiefe Stimme, »geh ums Haus herum, die kleine Türe führt in den Stall, da bring die Ziegen hinein, du aber sollst zum Fenster hereinsteigen, das steht offen.«

Da ging sie ums Haus herum, brachte die Ziegen durch die Türe in den Stall, sie selbst aber stieg zum Fenster hinein. Wie sie aber in der Stube stand, erblickte sie den Orco, der saß auf dem Herd, in dem kein Feuer und keine Glut war. Das Mädchen erschrak und wollte wieder fort, aber dann kamen ihr die Ziegen in den Sinn, die es nun gut hatten im Stall, und sie sagte mutig: »Wenn du mir versprichst, daß du mir nichts tust, werde ich Holz holen und Feuer machen.«

Das gefiel dem Orco, und er ließ sie in den Wald gehen. Als sie im Wald das Holz suchte, sprang auf einmal ein Hündchen zu ihr, bellte und schmiegte sich an sie und sagte:

»Nimm mich mit.« Was sollte sie machen? Sie hatte Erbarmen und wollte es nicht in der Kälte zurücklassen, kam mit dem Holz zurück zum Haus, stieg durch das Fenster in die Stube, und das Hündchen sprang hinterdrein und legte sich schnell unter den Tisch, ohne daß es der Orco bemerkte. Dann machte sie Feuer im Herd, und bald wurde es warm im Haus.

Plötzlich sagte der Orco: »Ich habe Hunger, du wärst ein guter Bissen für mich.«

»Ach, lieber Orco!« rief sie. »Ich will dir etwas Besseres holen - vielleicht einen Kohl?« Das gefiel dem Orco, und er ließ La Bella nochmals aus dem Haus. Das Hündchen blieb zurück und bewachte den Orco und die Ziegen. La Bella ging aufs Feld hinaus, da waren noch viele Kohlköpfe, die niemand abgeerntet hatte. Sie entdeckte den allergrößten und zog ihn aus der Erde, da tat sich ein Loch auf, und sie fiel hinunter. Dort unten war ein langer Gang, an dessen Ende hockte ein Hund, der war an einer eisernen Kette angebunden, La Bella ging und löste die Kette, da sprach der Hund: »Nimm mich mit.« Sie hatte Mitleid mit ihm und wollte ihn nicht allein zurücklassen, also lief er neben ihr her. Als sie zu der Stelle kamen, wo das Mädchen hinuntergefallen war, legte sie Steine aufeinander, dann stellte sich der Hund auf die Steine und La Bella auf den Hund. Es sprang auf die Erde, hob den Hund herauf, nahm den Kohl, ging zum Haus des Orco zurück, stieg zum Fenster hinein, und der Hund mit einein Satz hinterher. Und bevor der Orco ihn sehen konnte, versteckte er sich unter dem Tisch, und das Hündchen, das dort lag und auf alles acht gab, machte große Augen.

La Bella kochte nun den Kohl, und dem Orco lief schon das Wasser im Mund zusammen. Da kam ihm in den Sinn, daß nichts zum Trinken im Hause war. »Hätte ich dein Fleisch gegessen, so hätte ich auch dein Blut getrunken«, sagte er ganz, verdrießlich zu La Bella, »am Ende ist es doch besser, wenn ich dich verspeise.« Das Mädchen aber malte ihm in den herrlichsten Farben ans, wie köstlich ein Trunk frischen Wassers wäre, und endlich war der Orco damit einverstanden, daß sie noch einmal aus dem Haus gehe, um Wasser zu holen. Das Hündchen und der Hund blieben zurück und bewachten den Orco und die Ziegen.

La Bella lief zum Brunnen, der war weit weg, noch viel weiter als das Kohlfeld. Als sie hinkam, freute sie sich über das frische Wasser, aber o weh!, sie hatte vergessen, einen Krug mitzunehmen. Wie sollte sie nun Wasser schöpfen?

Da sah sie auf einmal einen riesengroßen Hund, der spielte mit einem alten Topf herum. »Lieber Hund«, sagte sie, ich bitte dich, gib mir doch den Topf, ich soll frisches Wasser in das Haus des Orco bringen und habe vergessen, einen Krug mitzunehmen. Wenn ich ohne Wasser zurückkomme, frißt mich der Orco und trinkt mein Blut, denn er hat Hunger und Durst.«

Da kam der riesengroße Hund zum Brunnen, ließ den Topf los, und das Mädchen konnte Wasser schöpfen. Dann ging der Hund neben ihr her, sie stieg zum Fenster hinein in die Stube und gab dem Orco zu trinken, während der Riesenhund schnell wie der Blitz unter dem Tisch verschwand.

Als der Orco satt war, legte er sich auf den Boden, um seinen Mittagsschlaf zu halten. Da sah er unter dem Tisch sechs Augen, die auf ihn gerichtet waren. Er rollte sich zu ihnen hin und dachte, das wäre etwas zum Auffressen, wollte nach ihnen greifen - die Hunde aber waren schneller und stürzten sich auf ihn.

Da sprang La Bella dazwischen und rief: »Haltet ein, haltet ein! Er hat mir ein Dach über dem Kopf gegeben, er hat meine Ziegen in seinen Stall aufgenommen, er hat mich dreimal aus dem Haus gehen lassen. Nun, da er schlaftrunken ist, wollt ihr ihn töten?«

Da ließen die Hunde ab von ihm, er aber stand schwerfällig auf und sagte; »La Bella hat Feuer im Herd gemacht, sie hat mir zu essen und zu trinken gegeben und hat mich vor dem Tod gerettet, jetzt will ich euch auch helfen.«

Er ging zum Herd, schaufelte Asche heraus und streute sie auf die Hunde, und im Augenblick standen drei Burschen in der Stube, ein kleiner, einer, der schon halb erwachsen war, und ein großer, der war schon ganz erwachsen. Wie La Bella den anschaute, erfasste ihr Herz sofort eine tiefe Liebe zu ihm, sie ging auf ihn zu und umarmte ihn. Da tat sich die vordere Tür auf, und La Bella und die drei erlösten Burschen traten ins Freie. Der Sommer war angebrochen, und die Luft war mild. Sie gingen hinters Haus und ließen die Ziegen aus dem Stall, da waren es aber nicht nur drei, sondern eine ganze Herde. Und dann zogen sie alle in großer Freude weit vom Haus des Orco. Ist das nicht eine schöne Geschichte?

Märchen aus Ligurien. Märchen der Welt: Das grosse Buch der Märchen, Fischer Verlag.

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